Gnadenfrist für die Eigenheimzulage


10. Oktober 2005 - Berlin

Experten: Regierungsbildung verschafft etwas Luft - Bauherrn sollten Vorhaben nicht aufschieben

Noch hat der Staat die Spendierhosen an und schenkt seinen Bürgern Geld zur Anschaffung der eigenen vier Wände. Doch die Eigenheimzulage steht auf der Kippe. Ob Immobilienkäufer und Bauherrn Wohneigentum schon in naher Zukunft komplett allein finanzieren müssen, weiß derzeit niemand.

"Experten befürchten, daß sie 2006, spätestens aber 2007 gestrichen wird", sagt Bettina Chill von "Finanztest". "Nicht mehr drauf verlassen, daß es sie weiter gibt", rät Verbraucherschützerin Christiane Kienitz aus Frankfurt. Die Regierungsneubildung in Berlin dürfte Häuslebauern jetzt noch einmal eine Verschnaufpause gebracht haben. "Wir rechnen damit, daß wenigstens bis Frühjahr 2006 alles beim Alten bleibt", meint Baufinanzierungsfachfrau Chill. Wer die lukrativen Fördermittel haben will, wird allerdings bald in die Gänge kommen müssen. "Jeder, der erst im nächsten Jahr kaufen oder bauen will, muß darauf gefaßt sein, daß sie wegfällt", so die Einschätzung von Josephine Holzhäuser, Bauexpertin der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz.

Zum 1. Januar 2004 war die großzügige Förderung unter Federführung der rot-grünen Regierung bereits spürbar zusammengestrichen worden. Seither wurde immer wieder politisch um die komplette Abschaffung gerungen. Auf die lange Bank sollte ein Immobilienvorhaben also nicht mehr geschoben werden. Das gilt zumindest für diejenigen, die in dieser historischen Niedrigzinsphase bereits ein geeignetes Objekt ausgemacht und den Finanzbedarf ausgerechnet haben. "Ist das Projekt schon weit gediehen, sollte ich zusehen, daß ich das wunderbare Bonbon mitnehmen kann", meint Holzhäuser.

Es lohnt sich: An Eigenheimzulage fließen jährlich 1250 Euro plus 800 Euro pro Kind. Und zwar acht Jahre lang. Eine Familie mit zwei Kindern kommt so auf 22 800 Euro an staatlichem Zuschuß. Allerdings gibt es Einkommensgrenzen. Anspruch auf Zulage haben Ehepaare, die im Jahr des Kaufs oder der Fertigstellung und im Jahr zuvor zusammengerechnet höchstens 140 000 Euro verdienten. Für jedes Kind im Haus erhöht sich die Grenze um 30 000 Euro. Ledige dürfen maximal 70 000 Euro verdienen. Wichtig zu wissen: Wer einmal die Zulage gewährt bekam, kriegt sie die ganze Laufzeit über. "Nachträgliche Änderungen sind nicht drin", betont Holzhäuser. Würde der Eigenheimzuschuß nächstes Jahr abgeschafft, blieben die bislang Geförderten davon unberührt.

Ähnliches gilt für Bauherrn: Wer jetzt beispielsweise bis zum 31. Dezember den Bauantrag einreicht, hat die Eigenheimzulage sicher in der Tasche. Dabei ist unerheblich, ob schon bald mit dem Aushub angefangen oder der Antrag zunächst nur auf Vorrat gestellt wird. Dem Häuslebauer bleiben immerhin sechs Jahre Zeit, seinen Bauplan zu verwirklichen, ehe der Antrag auf Eigenheimzulage verfällt. Wegen des staatlichen Geldgeschenks allein sollte sich aber grundsätzlich niemand in das "Abenteuer Hausfinanzierung" stürzen, warnt Holzhäuser. Schon gar nicht überhastet.

"Wenn ich mir die eigenen vier Wände nur leisten kann, weil ich anfangs die staatliche Zulage bekomme, kann das in der Katastrophe enden", warnt die Verbraucherschützerin. Die Förderung sei zwar ein "schönes Sahnehäubchen", mahnt auch Chill zur Besonnenheit. Ausschlaggebend sei vielmehr ein absolut solides Finanzierungskonzept. AP

Artikel erschienen in der Welt - Montag, den 10. Oktober 2005